Ausgewählter Beitrag

Phil Rickman: Der Turm der Seelen

Eigene Inhaltsangabe

Der Roman beginnt mit einem Prolog aus der Perspektive von Merrilys Tochter Jane. Es ist der letzte Tag vor dem Beginn der Sommerferien, die Prüfungen sind vorbei. Während Jane darauf wartet, von ihrer viel beschäftigten Mutter abgeholt zu werden, gerät sie zufällig in eine von der älteren Mitschülerin Layla Riddock durchgeführte Séance, bei der auch Amy Shelbone und Kirsty Ryan zugegen sind. Jane ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was das alles zu bedeuten hat und welche Folgen das – vor Allem auf Amy – haben wird. Und was es mit dieser „Justine“ auf sich hat, jenem Namen, der sich beim Verrücken des Glases zu den Buchstaben am Rand bildet, wird ihr ebenfalls noch eine Weile ein Rätsel bleiben. Dieses Ereignis trübt jedenfalls ein wenig die Vorfreude auf ihre Ferien, die Jane mit ihrem Freund Eirion, einem Waliser, verbringen wird.

Im ersten Teil wird zunächst Lol Robinson in die Geschichte eingeführt, der Songschreiber mit psychotherapeutischer Ausbildung und ein Freund von Merrily, welcher in Knight's Frome lebt, jenem nach dem kleinen Fluss Frome benannten Ort, der im späteren Verlauf noch eine wesentliche Rolle spielen wird. So lernen wir auch Gerard Stock kennen, den recht unsympathischen, für die meisten Leute vor Allem nervigen, ehemaligen Werbeagenten, der offenbar noch immer die Aufmerksamkeit der Medien sehr gut für sich zu nutzen weiß und unter den Besuchern der einzigen Kneipe im Dorf beizeiten auch als Schluckspecht bekannt ist. Er ist derjenige, der mit seiner ominösen jungen Frau, welche das Gebäude von ihrem Verwandten Steward geerbt hat, in der zum Wohnhaus umfunktionierten, anscheinend spukenden Hopfendarre wohnt. Zuerst wird vermutet, dass es der tote Steward ist, der darin spukt. Das erscheint naheliegend, zumal er ja ermordet wurde und somit einen sehr plötzlichen und wahrscheinlich tragischen Tod fand.

Niemand anderes als Merrily Watkins ist es, die mit der Aufgabe betraut wird, diese Hopfendarre zu exorzieren. In dessen Verlauf (außer sie, Stock und seine Frau ist auch noch Lol anwesend) erlebt sie eine merkwürdige Situation: Plötzlich riecht sie Schwefel, und sie glaubt fast, an diesem Geruch zu ersticken. Als das vorbei ist, fällt ihr ein, dass sie vor Beginn des Rituals (es ist mehr eine Ansammlung von Gebeten mit ein bisschen Beiwerk wie Weihrauch und ein Kelch auf dem Tisch, also nichts Spektakuläres) vergessen hat, alle Türen im Haus zu öffnen. Dies wäre notwendig gewesen, um zu verhindern, dass sich der mutmaßliche Geist irgendwo versteckt. Eine Veränderung zum Positiven scheint danach jedenfalls nicht eingetreten zu sein. Es ist immer noch so düster wie zuvor, zumal das Gebäude ja auch noch von den Lagerhallen des Nachbarn, Adam Lake, Nachkomme des legendären Großbesitzers Conrad Lake, überschattet wird, so dass kaum Licht hineinfallen kann. Auch Adams Vater Conrad Lake spielt übrigens – wie sich später herausstellt – eine tragende Rolle in der ganzen Geschichte.

Außer diesem hat Merrily sich noch um einen zweiten Fall zu kümmern: Die besagte Amy Shelbone, Adoptivtochter konservativer und tief christlicher Eltern, hat sonntags in der Kirche vor dem Altar einen schlimmen Kotzanfall bekommen, und auch sonst scheint es ihr alles andere als gut zu gehen. Offenbar macht sie eine sehr schwere Zeit durch, vor Allem deswegen, weil sie erfahren oder sich erinnert hat, wie sie ihre richtigen Eltern (eine extrem junge Frau und ein Drogenabhängiger, der diese schlägt) auf äußerst brutale Weise verloren hat.

Zudem fügt es sich, dass es sich bei Mr. Shelbone, Amys Adoptivvater, um eine wichtige politische Person handelt, welche ein kommerzielles Bauvorhaben zugunsten eines denkmalgeschützten Gebäudes (einer Scheunenkirche im gleichnamigen Ort Barnchurch) zu kippen droht. Dieses Einkaufszentrum wurde ausgerechnet von Laylas reichem Stiefvater geplant. Ob da ein Zusammenhang zu Amys misslicher Verfassung bestehen kann?

Es gibt also drei Handlungsstränge, von denen sich zunächst nur zwei eventuell (!) verbinden lassen – was somit zwei getrennte Handlungsstränge ergibt. Der einzige Zusammenhang zu Layla hingegen ist, dass diese angeblich (laut eigener Aussage) Vorfahren bei den Roma hat. So zumindest erklärt sich ihre Vorliebe für diese Kultur, mit der sie sich rege befasst (sie hat sogar einen eigenen Zigeunerwagen). Doch daraus ergibt sich noch kein Zusammenhang zu dem anderen Fall, hinter dem tatsächlich eine Roma-Geschichte steckt, welche aber erst nach und nach, auch in Gesprächen mit dem Roma Al und seiner Frau Sally, aufgedeckt wird.

Meine Rezension

Nun ja, das Buch enthält durchaus einige sehr gute Ansätze, die das Potential für einen vollkommen spannenden Roman gehabt hätten. Im späteren Verlauf, als es an die Aufklärung der Geistergeschichte geht, erfährt man auch noch einiges über die Lebens- und Denkweise der Roma, deren Philosophie es ist, mit leichtem Gepäck zu leben und nur dann etwas zu nehmen, wenn sie etwas brauchen.

Die Umsetzung hingegen finde ich nur teilweise gelungen. Zwar liest es sich (bis auf ein paar kleine stilistische Schwächen und einige wenige Schriftfehler) meist flüssig, und an den spannenderen Stellen kommt es auch gut voran. Zwischendurch tauchen jedoch immer wieder Passagen und Dialoge auf, wo es sich im Kreis zu drehen scheint und man nichts Neues über den jeweiligen Storyaspekt erfährt. In solchen Passagen habe ich mich daher gelegentlich auch etwas gelangweilt, so dass ich diese so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte, um hoffentlich zu interessanteren Stellen zu gelangen. Was das betrifft, wurde ich wiederum nicht enttäuscht: Früher oder später (manchmal eher später) kam tatsächlich wieder etwas Interessantes. Aber eben erst, nachdem ich diese erzählerischen „Durststrecken“ überwunden hatte. Diese Durststrecken, mit denen der Leser hingehalten wird, erschienen mir hier oft eindeutig zu lang. Das hat meine Lust, weiterzulesen, manchmal schon etwas getrübt.

Das zweite Manko, das ich erwähnen möchte: Es hätte gerne etwas gruseliger sein können. Abgesehen von ein paar ansatzweise fröstelnd machenden Szenen gab es jedoch hier nichts, was mir irgendwie Gänsehautfeeling hätte verursachen können. Für so eine potentiell gruselige Thematik wurde das Meiste hier doch recht banal rübergebracht. Sonderlich viel Atmosphäre ist bei der Lektüre jedenfalls nicht rübergekommen, was wohl auch wiederum auf die gelegentlichen Längen zurückzuführen sein könnte.

Auch aus menschlicher Sicht überzeugt dieses Werk kaum. Die wichtigsten Hauptcharaktere Merrily, Lol, Amy und Layla sowie einige weitere sind zwar gut ausgearbeitet und werden auch lebendig vermittelt. Stock kommt ebenfalls lebhaft rüber, allerdings nach meinem Eindruck auch etwas zu plakativ; im späteren Verlauf verhält er sich widersprüchlich, was aber vom Autor so gewollt sein könnte (warum er sich so verhält, wird jedoch nicht vollständig aufgeklärt). Viele der Nebenfiguren hingegen bleiben eher blass. Wo die Charaktere im Ganzen noch akzeptabel sind, zeigen sich hingegen deutliche Schwächen bei der Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen von diesen. So wirkt der erste Annäherungsversuch von Lol und Merrily, nachdem sie sich schon eine Weile kennen und es eigentlich klar ist, worauf das hinauslaufen wird, immer noch ziemlich unbeholfen und wenig glaubwürdig. Erst sehr viel später kommen sie schließlich zusammen. Nun ist das natürlich eher eine Nebensache gegenüber den Haupthandlungssträngen. Aber auch sonst fließen die zwischenmenschlichen Beziehungen gleich welcher Art kaum wirklich in die Handlung ein, was ich für wenig lebensnah halte. Stattdessen wird eher handlungszentriert und durch die Dialoge erzählt. A propos Dialoge: Dazu fallen mir noch die Gespräche zwischen den Jugendlichen, beispielsweise Jane und Eirion, ein. Es mag zwar authentisch wirken, dass sie so reden, wie Menschen in diesem Alter eben sprechen. Das ist auch in Ordnung. Allerdings wirkt dadurch der Stil in diesem Fall auch etwas plump, als hätte der Autor sich hier nicht besonders viel Mühe gegeben, sondern es einfach runtergeschrieben und anschließend nicht redigiert.

Und wie hat mir die Auflösung beider Handlungen (welche hier natürlich ungenannt bleibt) gefallen? Während mir die Erklärung der Geistergeschichte durchaus „rund“ vorgekommen ist, fand ich im Gegenzug die Auflösung der anderen Sache persönlich ein bisschen zu abrupt. Hierbei hat es sich der Autor offenbar einfach gemacht – vielleicht, weil er sich unschlüssig bezüglich der Antworten war, die er dem Leser liefern sollte. Oder wollte er damit bezwecken, dass dieses Finale hollywoodreif aussieht? Wozu? Wer würde dieses Buch schon verfilmen wollen?

Fazit

Es hätte durchaus ein spannender Mystery-Thriller werden können. In der Praxis ist dies dem Autor allerdings für meinen Geschmack nur in Ansätzen gelungen. Als Unterhaltungslektüre mit wenig Anspruch kann ich es durchaus noch mit Abstrichen empfehlen.

Karin 14.12.2010, 19.50

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